Vulkan, Vulkane und Vulkanismus

Vulkane, Vulkanismus und die Folgen von Vulkanausbrüchen

von Ulrike Köhler

6. Der Ausbruch des Mount St. Helens am 18. Mai 1980

Der ganze Stolz der amerikanischen Cascade Range bot einen herrlichen Anblick: mit seinen ebenmäßig geformten Hängen und der schneebedeckten, vollkommenen Spitze konnte er es in Sachen Schönheit mit dem Fujiyama in Japan aufnehmen, er war das Abbild eines perfekten Vulkanes.
1792 entdeckt und nach einem unbedeutenden Diplomaten benannt, galt der Mount St. Helens als ruhiger, erloschener Berg, der majestätisch über einem Naturschutzgebiet thronte. Bei den in seinem Gebiet ansässigen Ureinwohnern Amerikas hatte er zwei Namen: Loo-Wit – die schöne Jungfrau, und Tah-one-lat-clah – der Feuerberg. Nadelwälder an den unteren Hängen verdeckten, was in jüngster geologischer Vergangenheit geschehen war. Der an der Nordseite befindliche Spirit Lake, der dort den stolzen Berg spiegelte, war vor circa 1.000 Jahren durch eine gigantische Schlammflut entstanden, die einen Talausgang verschüttet und so eine natürliche Talsperre gebildet hatte.
Im Jahre 1978 hatten Dwight Crandell und sein Kollege Donal Mullineaux vom U.S. Geological Survey einen Bericht veröffentlicht, der eine Eruption des Mount St. Helens in den nächsten 100 Jahren für wahrscheinlich hielt, sogar eine Eruption noch vor Ende des Jahrhunderts in Betracht zog. Dass sich ihre Prophezeiung schon zwei Jahre später erfüllen sollte, hatten sie womöglich nicht vermutet.
Ab dem 20. März 1980 hatte eine Serie von schwachen bis mittleren Erdstößen in der Region des Mount St. Helens für Verwunderung in den Observatorien gesorgt und das Wiedererwachen des Vulkans angekündigt. Am ersten April wurden „harmonische Beben“ gemessen, gleichmäßige und lang anhaltende Vibrationen des Untergrundes, die bei vielen tätigen Vulkanen zu beobachten sind. Kleinere Asche- und Dampfexplosionen setzten ein und bildeten zuweilen über Stunden andauernde Fontänen. Zu den täglich gemessenen etwa 50 Beben der Stärke drei auf der Richterskala gesellte sich ein weiteres Symptom: auf der Nordflanke des Vulkans begann sich eine „Beule“ im Gestein zu heben. Diese Aufwölbungen werden immer dann beobachtet, wenn sich unter dem Gestein Magma staut, welches dann durch den Druck der Magmasäule beginnt, sich den Weg des geringsten Widerstandes durch das Gestein zu suchen. Bereits am zwölften April war die am Mount St. Helens zu beobachtende Aufwölbung zwei Kilometer groß und 100 Meter nach oben und außen angeschwollen.
Die Wissenschaftler vor Ort waren sich einig, dass die andauernden Erschütterungen und das Anschwellen an der Nordflanke deutliche Zeichen für einen bevorstehenden Ausbruch waren, über dessen Zeitpunkt und Heftigkeit man aber nur Vermutungen anstellen konnte.
Man hatte bereits im März das Gebiet um den Vulkan in zwei Sperrzonen unterteilt, das innere Sperrgebiet in unmittelbarer Nähe des Vulkans, dessen Grenze zwischen fünf und zweiundzwanzig Kilometern vom Krater des Vulkans verlief, und die daran anschließende äußere Zone. Die innere durfte nur von Regierungsbehörden und Wissenschaftlern betreten werden, in der äußeren gestattete man es Anwohnern, sich tagsüber in ihren Häusern aufzuhalten.
Als der Vulkan am 18. Mai 1980 um 8.32 Ortszeit ausbrach, forderte er noch in 25 Kilometern Entfernung zum Gipfel Opfer.
Ein Erdbeben der Stärke 5,1 ließ zu diesem Zeitpunkt den aufgewölbten Buckel auf der Nordflanke in sich zusammenbrechen und dem Spirit Lake entgegenrutschen.
Dem plötzlichen Druckabfall im Innern des Vulkans folgend drängte die vorher die Ausbuchtung verursachende Magmasäule an die Oberfläche und zertrümmerte dabei die weiter oben liegenden Schichten des Gipfels, wobei sie eine zweite Eruption auslöste. Diese war eine durch plötzlich druckentlastetes Wasser entstandene Dampflawine, die darüber hinaus große Mengen Gestein und Asche mit sich führte. In einem Winkel von 140° drang sie fächerförmig an die Oberfläche, wo sie die langsame Gesteinslawine der ersten Eruption überholte und auf einer Fläche von 600 km² den gesamten Baumbestand abknickte. Die nachfolgende Schuttlawine riss diese Bäume mit sich und bewegte insgesamt 3 Mrd m³ Schlamm, Asche, Felsbrocken und anderes Material drei Kilometer lang vor sich her. Über dem Vulkan selbst stand eine riesige plinianische Säule, deren Farbe schmutziggrau war, ein Zeichen dafür, dass das eruptierte Material vor allem aus Teilen des alten Kegels bestehen musste. Erst gegen Mittag änderte sich die Farbe der Aschewolke zum fast weißen, der Vulkan war nun dazu übergegangen, die aufsteigende Magmasäule in reiner Form zu fördern.
Der Gipfel des Berges lag nun durch die Masse an weggesprengtem Gestein 400 Meter tiefer und hatte nichts mehr von der Anmut der „Weißen Jungfrau“. Stattdessen bildete ein grauer, nach Norden offener Stumpf eines Kraters den neuen Gipfel. Obwohl die Gegend schon seit Monaten evakuiert war, kamen 57 Menschen ums Leben. Die gesamte Tierwelt in der Umgebung von 25 km wurde ausgelöscht, 5.000 Hirsche, 200 Schwarzbären und 1.500 Wapitis fanden in den Folgen der Eruption den Tod. Das Gebiet erinnerte in keinster Weise mehr an das ursprüngliche Naturschutzgebiet, sondern hatte eher Ähnlichkeit mit einer Mondlandschaft.
Die zerstörenden Faktoren dieser Eruption bestanden vor allem in der gewaltigen Lawine aus heißem Dampf und Gestein, als auch in der der ersten Eruption folgenden Gesteinslawine. Die bei der Explosion des Gipfels freigesetzte Energie entsprach der Sprengkraft von 500 Atombomben des Hiroshima-Typs. Zugedeckt wurde das Gebiet dann von einer der Explosion folgenden Aschewolke.

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